Hörproben

Hörproben aus dem Hörbuch, gesprochen von Horst & Eva Kummeth.

   Hörprobe 1: Alle 20 Charaktere stellen sich vor...  

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   Hörprobe 2: Ausschnitt aus dem Hörbuch...  

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Leseprobe

Er rannte wieder. Seine Beine taten ihm weh. An verschiedenen Stellen - vor allem in Höhe der Waden - war die Haut aufgerissen. Fackeln. Die Verfolger, die ihn unerbittlich jagten, kamen näher. Zum ersten Mal erhaschte er Gesichter, die im Schein des Feuers aufleuchteten unter den Kapuzen, die sie über den groben, schwarzen Kutten trugen. Gesichter? Nein, das waren Fratzen - bösartig, Ekel erregend! Seine Angst steigerte sich. Die riesigen Tiere, die ihren Jägern als Bluthunde dienten, waren eine ihm unbekannte Spezies. Sie bewegten sich auf einem gedrungenen, kantigen Hyänenkörper hechelnd vorwärts. Die Schnauzen der Geschöpfe - lang wie das Maul eines Alligators und mit dolchartigen Zähnen bestückt, zwischen denen schleimiger Geifer hervorquoll - endeten in einer Art scharfem Schnabel. Die Tiere verfügten über sechsfingerige, mit Krallen besetzte Pranken, über je zwei Paar Ohren und blutunterlaufene, kreisrunde Augen - bestens geeignet für das Sehen bei Dunkelheit. Am unheimlichsten aber wirkten die doppelten, nebeneinander stehenden, schlitzartigen Pupillen. Lucius konnte die Monster hinter sich einfach nicht abschütteln.

Und er wurde immer erschöpfter. Noch hielt er es aus nicht aufzuwachen. Er stürzte, rappelte sich wieder hoch. Während einzelne Verfolger das Weizenfeld in Brand steckten, ließen andere die grauenvollen, blutdurstigen Bestien von ihren Ketten. Schon setzten sie sich - mit Mark erschüttertem Geheul - auf seine Spur.

Am liebsten wäre Lucius endlich aufgewacht, aber unterbewusst erkannte er, dass er das noch nicht durfte, zumal sich ihm ein Gefühl mitteilte, als ob er nicht allein wäre in dieser entsetzlichen Nacht. Irgendwer musste bei ihm sein, den er nicht sehen konnte, aber fühlen. Jemand, der ihn schätzte? Die Außenluft spürte er nicht, obwohl sich der Wind beinahe zum Sturm ausgewachsen hatte, weil ihn eine Art Hülle umgab, eine Haut, die ihn abschottete vor der gefährlichen Welt.

Das Heulen der Höllenhunde wurde lauter. Er sah an sich hinunter und - obwohl er sich rasend durch die Nacht bewegte -, schienen seine Beine ineinander verknotet zu sein. Es war ihm, als ob er gar nicht selbst liefe. Jemand lief für ihn. Da kehrte das Geräusch wieder. Er nahm seinen eigenen Herzschlag wahr und einen zweiten über sich. Der Feuerwall schob sich heran. Und zwischen ihm und den Flammen galoppierten geifernd die Tiere. Diesmal stürzte er nicht gleich in das dunkle Gewässer, sondern er fühlte sich unglaublich zusammengepresst. Der ganze Körper tat ihm weh. Der Druck auf seinen Kopf nahm zu. Dann erlebte er erneut den Sturz ins Wasser, der den Angstschrei einer Frau verschluckte.

Zunächst rang Lucius nach Luft, als er erwachte, dann rief er heiser: "Mama!". Er war schweißgebadet. Sein Schlafanzug klebte an ihm, als wäre er wirklich eben erst einem Gewässer entstiegen. Instinktiv fuhr sein Blick zur Tür.

Der schmale, schwarze Spalt zwischen Tür und Türstock vergrößerte sich allmählich. Jemand wollte ins Zimmer. Tatsächlich drängte plötzlich ein dunkles, geducktes Tier herein und auf ihn zu.

Lucius drückte sich panisch in die Ecke zwischen Bett und Mauer. Er war unfähig um Hilfe zu rufen oder irgendetwas anderes gegen das Monster vor sich zu unternehmen. Für eine Millisekunde schoss ihm die Möglichkeit durch den Kopf, dass er immer noch träumte. Vielleicht hatte er das Erwachen aus dem Traum ebenfalls nur geträumt.

Nein, nein. Er wusste, er war wach und er fühlte, wie der dunkle Schatten, der einen bestialischen Geruch verströmte, mit den Vorderpfoten auf sein Bett stieg.

Dann schien alles gleichzeitig zu passieren. Die Tür wurde aufgerissen, das Licht ging an: Vater und Mutter kamen schlaftrunken auf nackten Füßen herein. Vor Lucius auf den Rand des Bettes stützte sich Hartmann ab, der völlig verdreckt aussah, lehm- und erdbeschmiert. Hartmann roch wie eine Kloake. Besorgt traten Herr und Frau Mangold zu ihrem Jungen. Lucius zitterte am ganzen Körper.

Fürsorglich setzte sich seine Mutter aufs Bett. "Was hast du denn, Schatz, geht es dir nicht gut? Um Himmels willen du bist ja nass geschwitzt."
"Ich hab nur schlecht geträumt. Entschuldige, Mama. Ich wollte euch nicht wecken, Papa."
"Aber das macht doch nichts." Frau Mangold begann Lucius' Schlafanzugjacke aufzuknöpfen. "Jetzt ziehst du dich erst mal um und dann kriegst du ein schönes, heißes Glas Milch mit Honig. Vielleicht hast du mit dem Spinat einfach übertrieben", mutmaßte seine Mutter. "Du hast beinahe ein Pfund allein gegessen. Hast du Bauchschmerzen?" Lucius schüttelte den Kopf. Vater Mangold hatte inzwischen Hartmann vom Bett gezerrt. "Wie siehst du denn aus? Los raus hier, du Ferkel. Am besten ich stecke Hartmann gleich in die Badewanne. Er muss im Garten getobt haben."
Frau Mangold rief ihrem Mann hinterher, dass er doch zuerst die Milch für Lucius aufsetzen sollte.
"Mach ich", kam es aus dem Flur zurück. Lucius hasste warme Milch mit Honig. Aber heute war eben nicht sein Glückstag.

 

Olli lachte. Er lachte wie nie zuvor in seinem Leben. Tränen des Vergnügens liefen ihm übers Gesicht. Seine Augen waren zu zusammengepressten Schlitzen verzerrt. Sein Mund entblößte zwei Reihen silberblitzender Zahnspangen. Dieses nur vom gelegentlichen Luftholen unterbrochene Dauergemecker konnte man getrost einen Lachanfall nennen. Olli hielt sich den Bauch, der bereits schmerzte vom steten, ruckartigen Zusammenziehen der Muskulatur.
"Höllenhunde... haha ...Zwerg auf dem Dach, geil... hihihi, ne Kommode putzt sich die Füße ab, Spitze, Alter... haha, ich kann nicht mehr, hohoho. Bluthund in eurem Garten, nich' schlecht!"

Olli unterbrach ab und zu seine Lachphasen mit den ungeheuerlichen Worten, die er vor kurzem erst von seinem Freund erfahren hatte und versah diese gelegentlich mit kleinen provokativen Anmerkungen.
 Was konnte Lucius schon dagegen unternehmen? Er entschloss sich erst mal ruhig abzuwarten, bis Ollis Anfall vorüber war. Hartmann, der neben seinem Herrchen saß, betrachte Olli wie einen Geisteskranken und legte dabei abwägend den Kopf schief. Der Hund verstand nicht, warum Olli sich so seltsam gebärdete. Lucius und Hartmann warfen sich einen kurzen Blick zu. Und wie um dem Hund zu erklären, dass es für Ollis Benehmen keine Erklärung gab, tippte sich Lucius mit dem Zeigefinger ein paar Mal gegen die Schläfe.
"Er dreht nur gerade durch, sonst ist alles in Ordnung, beruhigt sich schon wieder."
Allmählich beruhigte sich Olli tatsächlich und das glucksende Gegacker nahm hörbar ab.
Nach weiteren Minuten verstummte Olli endgültig. Er trocknete seine Lachtränen mit dem Ärmel seines Sweatshirts. Eine kleine Blase aus durchsichtigem Rotz zerplatzte an seinem linken Nasenloch, woraufhin sich Olli in eine zusammengeknüllte Socke rotzte, die bisher neben ihm auf der Couch gelegen hatte.

"Bist du jetzt fertig, Blödmann?", fragte Lucius gelassen.
"Du bist krass, voll krass!", schüttelte Olli den Kopf. "Wann hast du dir den Scheiß ausgedacht?"
"Du glaubst mir nicht?", lautete die Gegenfrage. Olli packte Lucius im Genick und zog ihn zu sich heran. "Würdest du mir so 'n Märchen abkaufen, Alter? Niemals! Du hast mir schon manchmal schräge Stories aufgetischt, aber das heute übertrifft einfach alles. "

Insgeheim musste Lucius zugeben, dass sein Freund Recht hatte. Die Erlebnisse der letzten Tage und Wochen klangen tatsächlich wie frei erfunden. Wie sollte er Olli je überzeugen können von der Wahrheit seiner Geschichte?